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03.07.2008 09:50
Individuelle Förderung statt teurer Nachhilfe
Individuelle Förderung statt teurer Nachhilfe
LAbg. Maga Karin Fritz zum Kapitel Schule, Rechenschaftsbericht 07, Landtagssitzung 3. Juli 2008
Es gilt das gesprochene Wort!
Herr Präsident, hoher Landtag!
Viele Eltern zahlen während des Jahres Unsummen dafür, damit ihre Kinder das Schuljahr positiv abschließen. Schon in den Volksschulen erhalten Kinder oft teure, private Nachhilfe, damit die Kinder die Hürde überwinden und einen der begehrten und raren Plätze im Gymnasium bekommen. In den Sommerferien wiederum herrscht Hochsaison für den Nachhilfemarkt, weil die Nachzipfe zu absolvieren sind. Insgesamt geben Eltern für Nachhilfe für ihre Sprösslinge geschätzte 140 Mio Euro aus, in Vorarlberg allein rund 3 MIo Euro.
Es versteht sich von selbst, dass eine Stunde Einzelunterricht mit Kosten zwischen 14 und 37 Euro kein Pappenstiel sind und sich das nur begüterte Familien leisten können. Manche Familien kratzen das Geld zusammen, um ihrem Kind Nachhilfe zu kaufen, weil sie ihrem Kind einen möglichst guten Bildungsabschluss bieten möchten. Immer mehr können sich das allerdings nicht mehr leisten, sie haben schon genug mit der enormen Teuerung bei Lebensmitteln und Energie zu kämpfen.
Was zeigt uns dieser boomende Nachhilfemarkt?
Zweierlei wird deutlich:
1. In unserem Schulsystem ist die Kultur des Förderns, des individuellen Eingehens auf die SchülerInnen zu wenig entwickelt. In Dänemark beispielsweise erhalten 10 bis 15 % eines Jahrgangs zusätzliche Förderung in der Schule. In Finnland wiederum sind 10 % der LehrerInnen eigens und speziell ausgebildete Förderlehrerinnen. Bei uns hingegen boomt die private Nachhilfe. Univ.Prof. Gruber bezeichnet unser System in einem Artikel der Zeit vom 26. Juni 2008 als ein Auslesesystem, „in dem die Verantwortung für die Behebung individueller Lerndefizite an die Eltern delegiert“ wird.
2. Wer in einer sozial schwächeren Familie aufwächst, wessen Eltern keine teure Nachhilfestunden vermögen, der hat Pech und schlechtere Bildungschancen. Verschiedene Studien zeigen deutlich, dass in unserem Schulsystem der sozioökonomische Hintergrund der Eltern und ihr Bildungsstand maßgeblichen Einfluss auf die Bildungsabschlüsse der Kinder haben, viel stärker als in anderen Ländern. D.h. unser System gleicht soziale Ungleichheiten zu wenig aus, sondern verfestigt sie.
Das können wir weder aus sozialen noch wirtschaftlichen Überlegungen hinnehmen. Wir müssen alles tun, um die Chancengerechtigkeit zu erhöhen und alle Kinder - egal ob aus reichem Haus oder nicht, ob „einheimisch“ oder mit einer anderen Muttersprache - bestmöglich zu fordern und zu fördern.
Deshalb muss die Frühförderung für alle in den Kindergärten weiter verbessert werden: kleine Gruppen, eigene Zählfaktoren für 3jährige und Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache, gebührenfreier Kindergarten, verpflichtend ab 4 Jahren für einige Stunden. So können wir die Chancen für Kinder aus sozial schwächeren Familien – und dazu gehören viele Migrantenfamilien – erhöhen und verhindern, dass die Schere weiter auseinander geht.
Auf den Bereich „individuelle Förderung“ muss in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer/innen intensiv geachtet werden, dafür müssen die Schulen die notwendigen Ressourcen erhalten. Nur so wird sich die Situation ändern.
Ich weiß schon, der Herr Landesrat Stemer wird nun sagen, dass er auch für die verstärkte individuelle Förderung ist und es in Vorarlberg standortbezogene Förderkonzepte gäbe. Sie wissen, Herr Landesrat, dass das Ministerium 2005/06 die Ausarbeitung dieser Konzepte vorgeschrieben hat.
In Vorarlberg beschäftigt sich jetzt, 2 Jahre später, eine Arbeitsgruppe mit diesen Konzepten und werden die ersten Konzepte an den Schulen ausgearbeitet. Das ist ein richtiger Schritt. Der Informationsstand der LehrerInnen vor Ort ist jedoch unzureichend. Eine Reihe von PädagogInnen, mit denen ich gesprochen habe, wussten leider nichts von diesen standortbezogenen Konzepten! Auch von zusätzlichen Ressourcen ist keine Rede.
Es braucht flexible, individuelle Lösungen an den Schulen. In einer Schule haben mir LehrerInnen gesagt, dass die Schule 66 Stunden für SPF-Kinder beantragt hätte, aber nur 44 erhalten hätte. Gerade was Kinder mit SPF angeht, sollte frühzeitig gefördert werden. Derzeit ist es so, dass zusätzliche Ressourcen dann zur Verfügung gestellt werden, wenn die Kinder das SPF-Gutachten haben und damit bereits beträchtliche Versagenserlebnisse und Frustsituationen erleben mussten.
Dasselbe gilt für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache, die in den Sonderschulen enorm überrepräsentiert sind. Hier braucht es deutlich mehr und effizientere Unterstützungsmaßnahmen. Kinder mit negativen Schulerlebnissen, mit geringen Schulabschlüssen sind nicht nur individuelle Schicksale, sondern das sind die Arbeitslosen von morgen, das sind die Armutsgefährdeten von morgen. Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie sind und dürfen kein Kind zurücklassen. Dass dies geht, zeigen andere Länder wie etwa Finnland. Dort gibt es laut Herrn Domisch jährlich etwa 200 Kinder, welche die Schule ohne Abschluss verlassen. Bei uns sind es rein im Raum Bregenz/Rheintal jährlich mindestens 20, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen. Dazu gibt es allerdings keine statistischen Zahlen, so nach der Devise, Augen zu und durch. Eine äußerst kurzsichtige Haltung.
Wir dürfen die Schwächeren nicht im Stich lassen, nein. Wir Grüne wollen eine Schule, in der Kinder und LehrerInnen sich wohl fühlen, ein Ort, wo gelernt wird, wo aber auch Spaß erlebt wird, wo jedes Kind gefördert wird soweit wie möglich.
In diesem Sinn reicht Schülerbetreuung im Sinne von Hausaufgabenaufsicht nicht aus. Die Zahlen für die Nachmittagsbetreuung sind steigend, ja das stimmt. Wichtig ist hier auf die Qualität zu achten: nicht nur Beaufsichtigung, sondern individuelle Lernhilfe, interessante Sport- und Kreativangebote, die attraktiv für junge Leute sind und ihnen neue Impulse geben, das Miteinander fördern statt Einzelgängertum vor dem Computer oder dem Fernseher.
Wir müssen angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung viel stärker auf ganztägige Angebote setzen.
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