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am 10. Mai

Gewinne der Digitalisierung

Adi Gross - Übertragung in einen sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt als Muss

Die Digitalisierung ist eine große Kiste. Die politische Debatte dazu ist am Anfang und gegenüber den technischen Entwicklungen weit hinterher. Zuverlässige Prognosen sind kaum möglich. Niemand wird behaupten zu wissen, wie die Arbeitswelt in 20 oder 30 Jahren aussehen wird. 

Nur eines gilt als sicher: Der Umbruch wird umfassend sein und schnell vonstatten gehen. Das MIT spricht von einem zweiten Maschinenzeitalter. Das dürfte nicht zu weit hergeholt sein. Und sie verwenden diesen Begriff in Anlehnung an die weitrechenden Veränderung der industriellen Revolution bewusst. Das zweite Maschinenzeitalter wird auch soziale Umwälzungen mit sich bringen.

Das spüren viele Menschen natürlich. Das führt zu Unruhe, zu Sorgen und Skepsis.

Der Punkt ist nun, dass wir uns dem digitalen Wandel nicht einfach ausliefern dürfen, sondern wir müssen ihn aktiv gestalten und in die richtige Richtung lenken – dorthin, wo er den Menschen nützt.

Damit möchte ich auch klar machen, dass ich die Digitalisierung nicht per se als große Bedrohung sehe. Wir dürfen aber auch nicht naiv sein.

Ich möchte mich in den paar Minuten Redezeit die ich habe auf einen eher grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Zugang konzentrieren.

Ich war letzte Woche in einem Workshop über die Zukunft der Arbeit. Mit einem Blick auf die kommende digitalisierte Arbeitswelt hat der Referent am Schluss eine ganz entscheidende Frage gestellt:

Wie übertragen wir den wissenschaftlich technischen Fortschritt der Digitalisierung in einen sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt?

Diese Frage hat mich dann sehr beschäftigt. Und ich halte sie für den Kern einer notwendigen politischen Debatte. Denn wenn uns das nicht gelingt, wenn Teile der Gesellschaft abgekoppelt werden, wenn soziale Probleme verschärft werden, transformieren wir uns in eine Welt, die wir wohl nicht wollen. Was nützen uns die Millionenheere von Robotern, wenn sie nicht zu mehr Wohlstand und Gerechtigkeit beitragen?

Es stellt sich also die Frage, was nun solche sozialen und gesellschaftlichen Fortschritte sein könnten.

Ich greife aus meiner Sicht exemplarisch ein sechs Aspekte heraus:

1. Selbstverständlich müssen die Gewinne aus der Digitalisierung, also aus dem damit einhergehenden Produktivitätsschub, gerecht verteilt werden.

Diese Gewinne müssen zur allgemeinen Wohlstandssicherung beitragen. Über höhere Löhne, über gleichzeitig reduzierte Arbeitszeiten, über Beiträge an die öffentlichen Haushalte. Denn der Staat muss finanziert werden um die Grundleistungen wie Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Mobilität, Wohnen, intakte Umwelt, usw. zu garantieren.

Die soziale Sicherung wird man von der Lohnarbeit trennen müssen.

Das bedeutet, dass man das ganze Steuersystem auf neue Beine stellen muss. Es wird kein Weg daran vorbei führen Datentransfers (weil das der Rohstoff ist) und den Einsatz von Maschinen zu besteuern. Kombiniert mit einem System der Besteuerung endlicher Rohstoffe und Umweltbelastung. Vielleicht käme man damit in die Lage auf Lohnsteuern weitgehend zu verzichten, ebenso auf Sozialabgaben im niedrigen Einkommensbereich.

2. So absurd das vielleicht klingt, aber die Beschleunigung und die Produktivitätszunahme durch die Digitalisierung und die dadurch mögliche Reduktion der Erwerbsarbeit könnte den Menschen helfen wieder mehr Zeit zu haben. Könnte einen Beitrag leisten parallel den Geschwindigkeitswahn wieder herauszunehmen.

Das hängt mit 3. zusammen. Die soziale Vernetzung zu stärken, was durch die Automatisierung eine zwingende Gegenbewegung sein wird. Beispiele dafür wären hochwertige öffentliche Räume für die Menschen, Gemeinschaftsprojekte wie neue Wohnformen oder gemeinsames Bewirtschaftens von Gärten. Es könnte die gemeinnützige Sharing Ökonomie stärken. 

Die traditionelle Erwerbsarbeit könnte ersetzt werden durch Gemeinschaftsarbeit. Durch aktivere Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen.

4. Ein Schub für mehr Demokratie. Die Menschen wollen in einer automatisierten Arbeitswelt über ihre Lebenswelt stärker mitbestimmen. Einer Entdemokratisierung wäre unbedingt entgegenzuwirken.

In einer der letzten Ausgaben der ZEIT schreibt der Redakteur in diesem Zusammenhang: „Zorn entsteht und Unterstützung für Populisten wächst, wenn Menschen den Eindruck haben, ihnen entgleite die Kontrolle über das eigene Leben. Sie wollen souveräne Bürger sein.“

5. Neue Zugänge und Chancen in der Bildung: Die Schlüsselkompetenzen in der digitalisierten Welt werden darin liegen, Information intelligent auszuwählen, zu bewerten und daraus ein nützliches Handeln abzuleiten. Soziale Kompetenzen werden stärker in den Vordergrund rücken. Gefragt sein wird kritisches denken um sich in einer komplexen Welt in Entscheidungsprozesse aktiv einzubringen. Es wird weniger darum gehen, möglichst viel formales Wissen im Kopf zu haben.

6. Die digitale Arbeitswelt wird uns ein Mehr an menschlicher Solidarität abverlangen. Vor allem dürfen Menschen mit weniger Talenten und ältere Menschen, die mit dieser Veränderungsgeschwindigkeit nicht zurecht kommen, nicht zurückgelassen werden. Eine Haltung, die die Gesellschaft zusammenhält.

Die Politik ist jedenfalls gut beraten, Perspektiven aufzutun, Beteiligung zu ermöglichen und partizipative Kontrollsysteme einzusetzen, will sie, dass die Menschen die Digitalisierung nicht als Bedrohung sehen und sich verweigern.​