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am 2. Oktober 2013

Lehrpraxen: Das Hemd näher als der Rock!

Katharina Wiesflecker - LAbg. Katharina Wiesflecker zur Anfrage „Perspektiven für die ärztliche Ausbildung“

Es gilt das gesprochene Wort. Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin, hohes Haus!

Es gibt ein sehr beeindruckendes Video von JAMÖ (Vereinigung von Jungen Allgemeinmedizinern in Österreich), in dem junge Ärzte und Ärztinnen aus unterschiedlichsten Ländern befragt werden, wie lange denn ihre praktische Ausbildung in Lehrpraxen dauert. Da beginnt eine junge australische Ärztin mit einem Schild und sagt ihre Lehrpraxis dauert 24 Monate, der Kanadier sagt seine Ausbildung dauert 18 Monate, Belgien 36 Monate, Finnland 33 Monate, Chile 36 Monate, Italien 12 Monate ... zwei holländische junge Ärztinnen berichten über ihre 24 Monate andauernde Praxis, in Portugal sind es 30 Monate. Conclusio: „Allgemeinmedizin muss in der Lehrpraxis gelernt werden! Wir junge MedizinerInnen schätzen und wollen eine längere Ausbildung bei den Praktikern“.

Sie, Herr Landesrat, schreiben uns Anfang August, das würde so nicht stimmen und legen eine Zusammenstellung des Gesundheitsministeriums bei, wobei in dieser Aufstellung oft theoretische und praktische Ausbildungsteile zusammengefasst sind und auch bekannt ist, dass der frühere Gesundheitsminister dezidiert gegen eine Verlängerung der Lehrpraxis war. Dann erhalten wir Anfang September von der Ärztekammer eine Zusammenstellung über die Dauer und Finanzierung von Lehrpraxen im internationalen Vergleich und siehe da, sie deckt sich in etwa mit den Aussagen aus dem Video der österreichischen Jungmediziner am Weltkongress der Allgemeinmediziner. Wenn man den internationalen Vergleich sieht, ist man ja leicht irritiert, ob denn unsere Forderung nach einer zwölfmonatigen Lehrpraxis für den Allgemeinmediziner überhaupt ausreicht. Ich sage, es wäre schon viel getan, wenn wir endlich dorthin kämen.

Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang war auch ein Statement eines Jungarztes bei der Diskussion zu Gesundheitsthemen während des Wahlkampfes vor 14 Tagen in Hohenems. Er meinte, er verstehe einfach nicht, warum die verantwortlichen Politiker in Gesundheitsfragen immer erst so spät reagieren, immer erst wenn der Hut brennt, immer erst 5 vor 12, manche meinten erst 5 nach 12, reagierten. Das frage ich mich auch! Übrigens nicht nur bei Gesundheitsthemen. Warum ist das so, dass die Verantwortlichen immer erst so spät reagieren? Zur Erinnerung: ich versuchte das Thema Lehrpraxen vor eineinhalb Jahren mittels Antrag hier im Landtag voranzutreiben. Sie reagierten mit Abschieben in die Bundesarbeitsgruppe. Es ist seit langem bekannt, dass

  • unserer derzeitige Turnusausbildung zu spitalslastig ist (da irritiert mich doppelt, dass man sie im Zuge der Ausbildungsreform noch spitalslastiger macht)
  • Lehrpraxen eine sehr wichtige Rolle in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner spielen; das haben andere Länder schon längst erkannt, wir sind hier Entwicklungsland im internationalen Vergleich!
  • sich 90 Prozent der in Ausbildung befindlichen TurnusärztInnen selbst nicht zutrauen, in den niedergelassenen Bereich zu gehen
  • die Turnusärzte in ihrer eigenen Turnusärztebefragung zum Ergebnis kommen, dass 82 Prozent gar kein Interesse hätten, praktische, niedergelassene Ärzte oder Ärztinnen zu werden
  • oft lange ausgeschrieben und gesucht wird, bis eine Stelle nachbesetzt werden kann – und das nicht nur am Land – sondern auch in Städten und Ballungsgebieten (Bregenz, Lustenau, Dornbirn, Götzis ...)
  • und wir aufgrund der Altersstruktur der niedergelassenen Allgemeinmediziner und der in Kürze eintretenden Pensionierung überhaupt ein Versorgungsproblem bekommen werden. Eigentlich genug Indikatoren, die uns zum Handeln bringen müssten.

Demgegenüber betonen Gesundheitspolitiker seit Jahren die zentrale Rolle des niedergelassenen Hausarztes, betonen die Wichtigkeit, wollen diese Rolle ausbauen – ich erinnere z.B. an die Diskussionen über die Hautvorsorge – wo ebenfalls betont wurde, der Hausarzt sollte hier in der Früherkennung mehr Rolle erhalten. Zuletzt mit der Gesundheitsreform: wieder Betonung der Wichtigkeit des Hausarztes, der Hausärztin; er / sie ist Ärztin, begleitet Patienten über eine lange Zeitdauer hinweg, kennt die Patienten, soll darüberhinaus auch durch das Gesundheitssystem „lotsen“, Angelpunkt für die Entlastung der Spitäler, kurz der Hausarzt ist der so genannte „best point of service“.
Ich stelle einen großen Widerspruch fest: zum einen soll der Hausarzt / die Hausärztin die wichtigste niederschwellige Anlaufstelle sein mit hohen und breiten Kompetenzanforderungen und im Gegensatz dazu kümmert man sich wenig um die Praxistauglichkeit der Ausbildung und dem damit einhergehenden Nachwuchs.
Also: zentrale Frage ist und bleibt: Wie stellen wir den Nachwuchs sicher? Die Gehaltsreform in den Spitälern und hier die besondere Aufwertung der Turnusärzte war sicherlich ein wichtiger Schritt. Unbestritten. Auch die kleineren Änderungen im Arbeitsprofil, Ausbildungstage und Entlastungen.

Großes Problem aus meiner Sicht stellt dar, wenn jetzt – so wie von der Ärzteausbildungskommission vorgeschlagen wurde – die Ausbildungsdauer verlängert wird, von derzeit drei auf vier Jahre und in diese Verlängerung um ein Jahr die stärkere Ausrichtung Richtung Praxis nicht berücksichtigt wird. Man könnte ja in diese Verlängerung um ein Jahr ein halbes Jahr zusätzlich – dann also 12 Monate – Lehrpraxis hineinnehmen. Das bedaure ich sehr, dass diese Überlegungen nicht stärker mit einfließen. So wie die Reform der Ausbildung jetzt konzipiert ist, verstärkt man die Spitalslastigkeit unter dem Vorzeichen qualitative Gründe – wobei ich glaube, dass man sich einmal anschauen sollte, welche Qualität gemeint ist und welche Qualität als Allgemeinmediziner gefragt ist.

Ich bedaure, Herr Landesrat, dass Sie sich in der Anfragebeantwortung auf sechs Monate festlegen und diese als ausreichend empfinden, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass von den sechs Monaten Praxis noch einmal drei Monate in einer Spitalsambulanz absolviert werden können. D.h. es bleiben drei Monate Lehrpraxis beim niedergelassenen Arzt übrig. Das finde ich sehr schade, weil ich davon überzeugt bin, dass die Ausbildungsschiene mit mehr Praxisorientierung vielversprechend ist, um den Beruf des niedergelassenen Allgemeinmediziners wieder attraktiver zu machen und Sicherheit zu vermitteln, in den Beruf zu gehen.

Ich verstehe auch, wenn Ihnen das Hemd näher ist als der Rock (Jacket), weil es Ihnen natürlich in erster Linie darum geht, die Ärzte und Ärztinnen in den Spitälern zu halten. D.h. Redensart nach außen ist, niedergelassen Hausärzte sind ganz, ganz wichtig – „best point of service“- aber wenn es drauf ankommt, dann schaut man als Gesundheitsverantwortlicher im Land auf den eigenen, unmittelbaren Wirkungsbereich – nämlich die Spitäler – und dann ist all das Gerede um eine gesamthafte gute Versorgung, die gemeinsame Steuerung und Planung des niedergelassenen und des stationären Bereiches, ist all das wieder Makulatur, Papier für den Papierkorb bzw. die Schublade. Diese Haltung – Hemd näher als Rock – ist auch die Erklärung für die Umwandlung der Turnusarztstellen in Assistenzarztstellen in den Spitälern. 13 an der Zahl. 13 Turnusarztstellen weniger, die uns im niedergelassenen Bereich als Nachwuchs fehlen. Kurzfristig für die Spitäler Entlastungen, aber doch keine mittelfristige Strategie die Versorgung im niedergelassenen Bereich sicherzustellen!! Eine sehr problematische Maßnahme in den Spitälern!! Ich wähle dieses Thema heute auch an prominenter Stelle, weil es um die Finanzierung von Lehrpraxen geht. Ein Antrag meinerseits für das Budget 2014 liegt vor. Grundsätzlich bin ich auch für eine Mischfinanzierung, aber wenn auf Bundesebene nichts weitergeht, dann können wir halt nicht warten. Das sehen wir auch in anderen Bereichen, z.B. in den Volksschulen. Dann stellt sich eben die Frage, ist das Thema wichtig genug, zukünftige niederschwellige Versorgung auch aus dem Landesbudget sicherzustellen oder sind andere Projekte wichtiger, wie z.B. die Luxus-Tunnelspinne in Feldkirch. Diese zentralen Fragen für die nächstjährigen Budgets werden Sie sich stellen müssen und ich hoffe, Sie streiten innerhalb der Regierung heftig, was wichtiger ist: Bildung, Armutsbekämpfung und Gesundheitsversorgung oder auf der anderen Seite große Verkehrsinfrastrukturprojekte. Was ist Ihnen wichtiger, meine Damen und Herren?